00:02
Eine Frau, die nicht mehr zu erreichen ist. Ein Mann, der einen falschen Bus genommen hat. Und ein Anruf, der alles verändert. Heute bei Spurlos.
00:26
Guten Morgen. Guten Morgen, liebe Julia.
00:29
Heute habe ich mir vorgenommen und ziehst auch durch kein langes Vorgeplänkel, denn wir haben viel zu erzählen mal wieder.
00:36
Ja und etwas ganz Besonderes haben wir heute.
00:39
Genau. Trotzdem eins wollte ich kurz erwähnen. Unsere mittlerweile große Spurlos-Community, die weiß das eigentlich aber für alle Neuzugänge sozusagen.
00:50
In unserem Podcast Spurlos wollen wir die ganze Bandbreite dieses Themas erzählen.
00:56
Also das bedeutet die klassischen Zusammenführungsgeschichten, weil wir kriegen immer mal wieder dann so ein Feedback von Neueren, die nur ein paar Geschichten gehört haben. Warum macht ihr denn jetzt True Crime? Aber das haben wir von Anfang an auch immer schon gemacht. Also unsere allererste Spurlosgeschichte war die Geschichte eines Mannes, der sich abgesetzt hat. auch auf kriminelle Art und Weise und dann verschwunden ist. Also wir möchten dieses Thema von allen Seiten beleuchten und deswegen True Crime auch ein großer Bestandteil davon.
01:29
Ja, machen wir ja ganz regelmäßig.
01:31
Und heute eine Geschichte aus der Rubrik spurlos international.
01:35
Ja, wir sind international.
01:37
Genau, eine True Crime Geschichte. Erzähl mal, worum es geht.
01:41
Ja, wir konnten ein Interview mit Kenny Hofer in den USA führen.
01:46
Und er hat sich bereit erklärt, uns von den Ereignissen im Herbst 2017 zu erzählen, den Ereignissen, die sein Leben für immer verändert haben. Und es ist ein Fall, über den wir heute sprechen, der damals über Wochen hinweg die USA in Atem gehalten und der eine Stadt in größte Angst versetzt hat.
02:07
Es ist die Nacht des 31. Oktober 2017. Wir befinden uns in Tampa in Florida und es ist Halloween. In dem Stadtviertel Seminole Heights herrscht große Unruhe. Es ist dunkel. Einige Kinder ziehen vereinzelt durch die Straßen. Sie werden begleitet von Erwachsenen, die sich immer wieder umsehen, als würden sie erwarten, dass etwas Bedrohliches aus der Dunkelheit hervortreten könnte.
02:34
Die Jungen und Mädchen rufen leise »Trick or Treat«, doch ihre Stimmen wirken verängstigt und ungewöhnlich vorsichtig. Hier und da öffnet sich eine Haustüre, Süßigkeiten werden herausgereicht und manchmal hört man für einen ganz kurzen Moment ein leises Kinderlachen. Aber nichts an diesem Abend ist unbeschwert oder leicht, denn die Bewohner dieses Viertels haben Angst.
03:00
Nicht vor verkleideten Geistern oder Dämonen. Nicht vor kostümierten Vampiren oder Zombies, die ihnen einen Schreck einjagen könnten. Sie haben Angst um ihr Leben. An den Straßenkreuzungen stehen Polizeiwagen. Ihr Blaulicht flackert über die Fassaden der Häuser. Beamte patrouillieren in kleinen Gruppen durch das Viertel. Aufmerksam, angespannt und bereit, jederzeit einzugreifen.
03:27
Polizisten zu Pferd bewegen sich langsam durch die Nachbarschaft. Immer wieder hört man aus der Dunkelheit Hufschläge und das unruhige Schnauben der Polizeipferde. Sogar das FBI ist vor Ort, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Und trotzdem hat in dieser Nacht keiner der Anwohner das Gefühl, wirklich sicher zu sein. Denn die Straßensperren, der Funkverkehr, die laufenden Motoren, all das erinnert daran, dass dies keine normale Halloween-Nacht ist.
03:58
Es ist eine Nacht voller Angst, Misstrauen und Fassungslosigkeit. Denn irgendwo hier in diesem idyllischen Wohnviertel bewegt sich möglicherweise ein Mörder. Einer, der bereits zugeschlagen hat und der danach spurlos verschwinden konnte. Niemand weiß, wer er ist, wie er aussieht oder wo er als nächstes auftauchen wird. Jede Straße, jede Ecke, jedes kaum beleuchtete Grundstück könnte plötzlich zum Schauplatz eines neuen Verbrechens werden.
04:31
Es ist ein Mörder, der keine Spuren hinterlassen hat. Es ist ein Mörder, der der Nachbar sein könnte, der Mann an der Kasse im Supermarkt, vielleicht ein Gesicht, das man schon hundertmal gesehen hat, ohne ihm je Bedeutung beizumessen. Die Kinder und ihre Eltern, die an diesem Abend draußen unterwegs waren, machen sich nun auf den Heimweg. Langsam leeren sich die Straßen und die letzten Kostüme verschwinden hinter Haustüren und Vorgärten.
05:00
Nur ganz vereinzelt sind noch Schritte zu hören, während Fenster nach und nach geschlossen werden und das Viertel in eine unruhige Stille zurückfällt. In dieser Halloween-Nacht ist nichts passiert. Und doch bleibt die Unsicherheit bestehen. Was wird der nächste Tag bringen? Wird der Unbekannte, von dem jede Spur fehlt, wieder zuschlagen?
05:31
Dieses Stadtviertel in Tampa im Bundesstaat Florida befindet sich in dieser Nacht im absoluten Ausnahmezustand. Doch dieser Zustand hat nicht erst in dieser Halloween-Nacht begonnen, er hat sich über Tage und Wochen aufgebaut, mit jeder neuen Nachricht, mit jedem Schock und jeder Spur, die ins Leere gelaufen ist.
05:48
Die Medien in den gesamten USA berichten über dieses Viertel, über Seminole Heights, dessen Bewohner nun schon seit Wochen in ständiger Alarmbereitschaft leben. Und Kenny, der uns heute von den Ereignissen im Jahr 2017 erzählt, erinnert sich.
06:08
Es lief im Radio, es war in den Nachrichten, es war in der Today-Show und bei Fox News. Die Leute riefen einen ständig an und baten um eine Stellungnahme oder ein Interview. Und ehrlich gesagt war das mehr, als ich verkraften konnte.
06:30
Ja, da war wirklich Ausnahmezustand, das muss man sich mal vorstellen. Überall waren da Nachrichtensender mit Live-Schalten in den Straßen, Reporter stehen da vor den Absperrungen, schildern permanent die angespannte Lage und das alles in so einem gemütlichen Viertel. In den Studios laufen die Ereignisse in Dauerschleife, begleitet von Analysen, Spekulationen und der immer gleichen Frage, wer ist der Mörder, der in diesem Viertel diese absolut unfassbare Serie von Taten zu verantworten hat. Währenddessen wächst der Druck auf die Ermittler mit jeder Stunde.
07:04
Die Polizeisprecher treten vor die Kameras, bitten um Hinweise, um Geduld und natürlich um das Vertrauen in die laufenden Ermittlungen. Doch von dem Mörder, den sie suchen, fehlt jede Spur.
07:16
Kenny selbst lebt nicht in Seminole Heights. Er wohnt in South Carolina, etwa 400 Kilometer von Tampa entfernt. Dort hat er eine kleine Farm. Er hält einige Rinder und Hühner. Außerdem leben auf seiner Farm drei Esel und auf dem Grundstück wachsen zahlreiche Obstbäume. Doch im Herbst 2017 fährt er oft die Strecke hinunter nach Tampa. Es sind schwere Fahrten für ihn, die ihn jedes Mal aufs Neue belasten und ihm immer mehr abverlangen, als es von außen den Anschein hat.
07:47
Der Grund für Kennys regelmäßige Fahrten nach Tampa ist seine Tochter Monika. Die hat nämlich hier in Tampa gewohnt, und zwar in Seminol Heights. Und hier kam sie auch zur Welt, das war 1985. Damals war Kenny noch mit ihrer Mutter verheiratet, mit Olga, einer jungen Frau, die genau wie er aus Tampa stammte.
08:13
Als Monika geboren wurde, war ich in der Navy. Ich war zwölf Jahre lang bei der US-Navy.
08:20
Unika wurde in Tampa geboren und sie war einfach ein tolles, kleines Mädchen.
08:28
Navy-Angehörige können überall dort eingesetzt werden, wo maritime militärische Präsenz gebraucht wird. Auf dem Meer, an Landbasen oder in internationalen Missionen. Kenny ist oft und lange unterwegs, manchmal ist er über Monate hinweg nicht zu Hause. Er liebt seine kleine Tochter über alles und deshalb fallen ihm die langen Abwesenheiten besonders schwer.
08:51
Wenn Kenny mit der Navy unterwegs ist, kümmert sich seine Frau Olga um die gemeinsame Tochter Monika.
08:57
Doch Olga ist gehörlos und der Alltag als alleinerziehende Mutter ist für sie oft sehr herausfordernd, vor allem in Situationen, in denen schnelle Kommunikation nötig wäre.
09:08
Monika hängt sehr an ihrer Mutter und sie beherrscht die Gebärdensprache schon als ganz kleines Kind.
09:14
Und ich glaube, das ist allgemein bekannt, statt über das gesprochene Wort funktioniert die Gebärdensprache natürlich über Handbewegungen, über die Mimik, über Körperhaltung und Gestik. Monika übersetzt oft für ihre Mutter und zwar lange, bevor sie zur Schule geht und überhaupt lesen und schreiben gelernt hat.
09:36
Sie liebte ihre Mutter über alles.
09:39
Ihre Mutter war gehörlos und Monika schien die Brücke zwischen den Hörenden und den Gehörlosen zu sein. Die beiden standen sich sehr nahe.
09:52
Die langen Trennungen von Kenny und Olga fordern schließlich ihren Preis. Und Monikas Eltern lassen sich scheiden, als Monika vier Jahre alt ist. Danach wächst das Kind größtenteils bei ihren Großeltern auf. Ihre Mutter lebt in der Nähe und bleibt ein fester und sehr wichtiger Teil in ihrem Leben. Doch die Großeltern übernehmen nun die Organisation ihres Alltags. Monika wächst in einem Umfeld auf, das von großer Nähe und einem ganz liebevollen Zusammenhalt geprägt ist.
10:22
Obwohl ihr Vater nach wie vor selten vor Ort ist, hat Monika alles, was ein Kind braucht, um glücklich groß zu werden. Ihre Mutter, die fürsorglichen Großeltern und ihre vielen Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen.
10:37
Die Familie sieht sich ständig. Mal wird hier gemeinsam Kaffee getrunken, mal wird dort gegrillt und alle Feste werden zusammen gefeiert. Monika wächst also inmitten dieser herzlichen Familie auf und sie erlebt eine Kindheit voller Gemeinschaft und voller Vertrautheit.
10:56
Ich glaube, was sie glücklich machte, war ihre Familie.
11:04
Vor allem ihre Großmutter. Sie liebte ihre Großmutter so sehr. Sie liebte ihren Großvater.
11:10
Sie liebte ihre Mutter.
11:14
Sie liebte einfach jeden in der Familie. Ihre Familie machte sie am glücklichsten.
11:20
Ich glaube, schon allein die Anwesenheit ihrer Großeltern ließ sie strahlen. Sie freute sich einfach, dort sein zu können.
11:30
Kenny ist weiterhin bei der US Navy und oft im Einsatz. Doch egal, wo er sich befindet, der Kontakt zu Monica bleibt für ihn das Wichtigste in seinem Leben. Er ruft an, er schreibt und wann immer es ihm möglich ist, reist er nach Tampa, um Monica zu besuchen und Zeit mit ihr zu verbringen. Besonders wichtig ist es ihm immer, an Geburtstagen, in den Ferien oder an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern bei seiner Tochter zu sein.
11:55
Zwischen Kenny, Monica und ihrer Familie besteht weiterhin trotz der Scheidung und der räumlichen Distanz ein sehr, sehr enges Verhältnis.
12:03
Später heiratet Kenny ein weiteres Mal und er gründet mit seiner neuen Frau eine Familie. Er lebt jetzt in South Carolina in der Nähe von Charleston. Von dort aus sind es ungefähr 400 Kilometer bis nach Tampa. Trotz dieser Entfernung gelingt es Kenny regelmäßig zu Monica, ihren Großeltern und ihrer Mutter Olga zu fahren. Kennys Bruder lebt übrigens auch in Tampa und Kenny wohnt immer bei ihm, wenn er dort ist. Ja, und so wird Monica erwachsen, behütet, geliebt und umsorgt.
12:34
Und Kenny ist sehr stolz auf seine große Tochter.
12:41
Sie wuchs zu einer fantastischen jungen Frau herein. Sie mochte es wirklich sehr, mit Menschen zusammen zu sein.
12:48
Ich glaube nicht, dass sie in ihrem ganzen Leben auch nur einmal einen einzigen Feind hatte. Sie war eine großartige junge Frau. Außerdem war sie einfach ein lustiger Mensch.
13:01
Sie war einfach toll.
13:09
Sie war sehr kontaktfreudig und sehr witzig. Sie liebte einfach jeden.
13:15
Sie sagte immer, weißt du, ich liebe dich. Und sie tat das wirklich. Sie liebte einfach jeden. Sie war einfach glücklich und unbeschwert.
13:31
Ja, was für eine Liebeserklärung eines Vaters. So sollte ein Vater klingen. Voller Stolz und Wärme und so voller Liebe. Richtig schön, wie er über sie spricht. Und es haben übrigens auch uns andere Familienmitglieder erzählt, dass Monika immer wieder zu Menschen gesagt hat, die ihr natürlich nahe standen, du weißt ja, dass ich dich liebe, oder?
13:52
Das war ganz typisch für sie. Als hätte sie damals schon geahnt, dass es wichtig ist, dem Menschen, die man liebt, seine Gefühle immer wieder zu zeigen, solange es noch die Möglichkeit gibt.
14:03
Wir haben hier einige Fotos von Monika. Darauf ist sie ungefähr 30 Jahre alt.
14:07
Ja, ich finde sie bezaubernd. Das ist das Wort, was mir einfällt. Eine bezaubernde junge Frau. Und es ist völlig klar, spätestens wenn man dieses Bild sieht, was dieser Vater meint, wenn er sie beschreibt. Das Lachen ist total umwerfend. Sie hat blonde, glatte Haare.
14:26
Sehr, sehr hübsch. Und vor allem sieht man irgendwie, finde ich, die gute Laune und Herzlichkeit, die springen einem aus den Bildern, auch aus den anderen Bildern entgegen. Also man möchte sofort zurücklächeln.
14:36
Im Jahr 2017 ist Monika 32 Jahre alt. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Lokal und sie hat einen festen Freund. Er heißt Derek. Die beiden sind nun schon über ein Jahr zusammen und es ist kein Geheimnis, dass Monika sich wünscht, mit Derek eine Familie zu gründen.
14:53
Monika lebt in Seminole Heights. Das ist ein Stadtteil von Tampa, der für seine historischen Häuser und seine ruhigen Wohnstraßen bekannt ist. Es ist ein friedliches, ja fast idyllisches Wohnviertel. Es gibt hier ganz viele Cafés, so kleine Boutiquen, lokale Geschäfte.
15:10
Die Leute fühlen sich da total sicher. Und Monika geht gerne und oft zu Fuß. Eigentlich untypisch in den USA, aber in manchen Vierteln ist es tatsächlich noch so, wenn sie was zu erledigen hat oder wenn sie jemanden besuchen will. Ich kenne Florida sehr gut. Ich kenne Tampa auch gut. Das Viertel speziell jetzt nicht. Aber Tampa liegt ja auch direkt am Meer, also am Golf von Mexiko.
15:34
So ganz geschützt in einer kleinen Bucht. Das ist die Tampa Bay. Und ja, man muss sich das so vorstellen. Ich sehe das so vor mir noch. Die Leute, die da leben, die leben natürlich mit dem Meer. Das heißt, am Wochenende fährt die ganze Familie an den Beach und gehen an diesen endlosen Stränden spazieren. Die Picknicken da sind natürlich super, wie die Amerikaner sind, super ausgestattet mit ihren Stühlchen.
15:58
Im Kühltruhen wahrscheinlich.
15:59
Die sind alle rollbar, die Kühltruhen. So eine habe ich mir auch mal mitgebracht, weil es die so, glaube ich, bei uns gar nicht gibt. Und die stellen sie dann, das Wasser ist ja so ganz lang abfallend flach, stellen sie dann ins Wasser mit den Stühlen. Ach, das klingt toll. Und irgendwie alle, einschließlich mir, sammeln da stundenlang Muscheln. Es gibt wunderschöne Muscheln. Und so dieser Rhythmus, das beschreibt das Leben dort in dieser Bay, finde ich ganz gut. Und auch Monika und ihre Familie lieben die Strände am Golf von Mexiko und sie fahren da oft hin.
16:30
Und ja, das klingt alles zu schön, um wahr zu sein, fast perfekt. Und nichts deutet darauf hin, dass nur kurze Zeit später in diesem idyllischen und wunderbaren Viertel ein Albtraum wahr werden wird.
16:45
Anfang Oktober 2017 telefonieren Kenny und Monica miteinander. Kenny erzählt seiner Tochter, dass er am 13. Oktober nach Tampa fahren will, denn sein Bruder feiert an diesem Tag seinen 50. Geburtstag und hat ihn eingeladen. Natürlich möchte Kenny sich dann auch mit Monica treffen. Und Monica sagt, dass das auf jeden Fall möglich ist. Und sie berichtet dann von ihren eigenen Plänen. Ihre Großmutter hat am 12. Oktober zu einem Geburtstagsessen eingeladen und Monika freut sich schon darauf. Die ganze Familie, die Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen werden dann dort sein.
17:19
Ja, und dann plaudern Kenny und Monika noch über dies und das.
17:23
Sie erzählte mir, was so los war. Sie erzählte mir, wie es bei der Arbeit lief. Sie sprach auch über ihren Freund. Also ganz normale Dinge, über die Vater und Tochter so reden.
17:38
Und Kenny ahnt nicht, dass dies das letzte Mal sein wird, dass er die Stimme seiner Tochter hört. Die beiden legen auf und freuen sich auf ihr Wiedersehen in ein paar Tagen. Doch es wird alles anders kommen.
17:50
Am 11. Oktober, es ist ein Mittwoch, telefonieren Monika und ihre Großmutter miteinander. Das Geburtstagsfest der Oma soll am folgenden Tag stattfinden, also am Donnerstag. Monika fragt, ob der Großvater sie dann vielleicht mit dem Auto bei ihrer Arbeitsstelle abholen könnte, damit sie rechtzeitig zum Fest da sein kann. Die Großmutter sagt, dass sie das direkt klären wird und sie verspricht, sofort zurückzurufen. Monika sagt noch, dass sie jetzt kurz unterwegs sei. Sie hat vor, einen Freund zu treffen und sie wird schnell zu Fuß zu ihm laufen.
18:22
Dann legen die beiden auf. Das ist gegen 19.30 Uhr.
18:26
Die Großmutter spricht wie vereinbart mit dem Opa und der erklärt, dass es kein Problem sei, Monika am folgenden Tag in dem Restaurant, in dem sie arbeitet, abzuholen.
18:36
Die Großmutter wählt dann wie verabredet noch einmal die Nummer von Monika, um ihr Bescheid zu geben, aber die hebt nicht mehr ab. Die Großeltern machen sich keine Gedanken, denn sie wissen ja, dass Monika noch einen Freund besuchen wollte. Sie gehen davon aus, dass sie am kommenden Tag noch alles mit ihrer Enkelin in Ruhe besprechen können.
18:54
Aber am Donnerstag ist Monika immer noch nicht erreichbar. Die Großeltern wundern sich zwar, aber sie gehen davon aus, dass ihre Enkelin eine andere Mitfahrgelegenheit organisiert hat und dass sie sich am späten Nachmittag alle, wie verabredet, zum Geburtstagsfest bei der Oma sehen.
19:11
Am Nachmittag ist dann die Familie bei den Großeltern versammelt. Monikas Tanten und Onkel und Cousinen sind da. Nur Monika taucht nicht auf. Alle sind beunruhigt, aber es gibt noch viele Möglichkeiten. Vielleicht verspätet sich Monika nur oder sie hat unterwegs noch etwas zu erledigen. Doch je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Unruhe. Denn allen Anwesenden ist klar, dass Monika den Geburtstag ihrer geliebten Oma niemals einfach so verpassen würde. Und schon gar nicht, ohne kurz Bescheid zu geben.
19:41
Monikas Cousine beginnt nun zu telefonieren. Sie ruft die Polizei an, aber dort liegt nichts Verdächtiges vor. Dann nimmt sie Kontakt zu den Krankenhäusern in Tampa auf. Doch nirgends ist Monika oder eine unbekannte Frau eingeliefert worden. Auch Monikas Freund Derek und die Nachbarin von Monika wissen nicht, wo sie sein könnte. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, spurlos. Die Nachbarin berichtet nun, dass ihr aufgefallen sei, dass in Monikas Wohnung seit dem vergangenen Abend das Licht brennt, aber zu Hause ist sie nicht.
20:16
Der Freund, mit dem Monika am Abend des 11. Oktober noch verabredet war, erzählt, dass Monika nicht zu ihm gekommen sei. Er habe sich aber darüber keine Gedanken gemacht, denn es war nur eine ganz lose Verabredung gewesen. Alle in Monikas Familie gehen jetzt davon aus, dass etwas Furchtbares passiert ist.
20:36
Am folgenden Tag, es ist Freitag der 13. Oktober, gibt es immer noch kein Lebenszeichen von Monika. Auf ihrer Arbeitsstelle ist sie bereits am Donnerstag nicht erschienen und auch an diesem Freitag fehlt sie unentschuldigt. Die Polizei wird nun aktiv und beginnt, sich in der Umgebung umzuhören. Beamte sprechen mit Nachbarn, mit Kollegen und Bekannten, aber niemand hat Monika seit Mittwochabend gesehen. Das ist völlig untypisch für Monika, aber sie ist tatsächlich spurlos verschwunden.
21:06
Und alle wissen, dass Monika sich normalerweise zuverlässig meldet und auch Termine zuverlässig einhält. Gerade deshalb wirkt dieses plötzliche Verschwinden so beunruhigend. Es passt nicht zu ihr. Und alle gehen davon aus, dass ihr etwas zugestoßen ist. Denn es gibt nun seit etwa 40 Stunden kein Lebenszeichen und keine Spur von der jungen Frau.
21:29
Dann, um 13 Uhr, geht bei der Polizei ein Notruf ein. Landschaftsgärtner haben bei Mäharbeiten den leblosen Körper einer jungen Frau in einer verwilderten Wiese entdeckt. Nur einige Meter abseits einer Straße in Seminol Heights. Wenige Minuten später treffen Polizei und Rettungsdienst am Fundort ein. Es ist sofort klar, dass für die junge Frau jede Hilfe zu spät kommt.
21:54
Die Ermittler stellen fest, dass sie durch Schussverletzungen ums Leben gekommen ist. Die Umgebung wird weiträumig abgesperrt, während die Spurensicherung ihre Arbeit aufnimmt. Die Identifizierung erfolgt noch vor Ort. Bei der Toten handelt es sich um Monika Hofer. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde sie durch mehrere Schüsse getötet.
22:16
Auf dem Boden entdecken die Ermittler mehrere Patronenhülsen, die sorgfältig fotografiert, nummeriert und anschließend gesichert werden.
22:25
Zu diesem Zeitpunkt sitzt Kenny Hofer allein in seinem Wagen und fährt auf dem Highway Richtung Tampa. Das Autoradio läuft leise und Kenny freut sich auf den bevorstehenden Geburtstag seines Bruders und auf sein Treffen mit Monica. Nichts deutet darauf hin, dass sich sein Leben in den nächsten Sekunden schlagartig verändern wird.
22:44
Doch dann klingelt sein Telefon. Und Kenny erfährt, dass Monica in Seminole Heights erschossen wurde und dass die Polizei den gesamten Bereich abgesperrt hat. Die Spurensicherung sei bereits vor Ort und die Ermittler behandeln den Fall als gezielte Tötung.
23:05
Ich wollte eigentlich zu meinem Bruder, der eine Geburtstagsparty plante. Aber ich glaube, Gott hat es wohl für richtig gehalten, mich schon auf dem Weg nach Tampa zu schicken.
23:19
Ja, es war ein schrecklicher Moment.
23:21
Ich war wütend, ich war verwirrt. Man durchlebt so viele Gefühle.
23:28
Und ich fühlte mich allein.
23:32
Ich war am Boden zerstört.
23:39
Die Ermittler rekonstruieren nun den Ablauf der Tat. Monika war in der Dunkelheit die Straße entlang gelaufen. Sie hatte der Großmutter ja vorher noch gesagt, dass sie noch einen Freund besuchen wollte. Plötzlich schoss jemand auf sie. Die ersten beiden Kugeln verfehlten Monika. Sie verließ die Straße und lief auf ein angrenzendes Wiesenstück, um sich in Sicherheit zu bringen. Dort wurde sie schließlich tödlich getroffen. Es war am Mittwoch, den 11. Oktober gegen 19.45 Uhr.
24:09
Das Wiesenstück war verlassen und verwildert. Hohes Gras, dichtes Gestrüpp und ungepflegte Büsche verdeckten große Teile des Geländes. Es war von der Straße aus schwer einsehbar. Autos fuhren vorbei, Menschen gingen ihren alltäglichen Wegen nach und niemand bemerkte, dass dort zwischen den überwucherten Pflanzen die Leiche von Monika Hofer lag.
24:32
Es ist schnell klar, dass Monika weder einem Raubüberfall noch einem Sexualdelikt zum Opfer gefallen ist. Sie wurde erschossen und dann einfach liegen gelassen. Alle Wertgegenstände bei ihr werden gefunden und genau dieser Umstand macht den Fall für die Ermittler besonders verstörend. Die Tat wirkt kalt, schnell und zielgerichtet.
24:55
Wenn man jetzt hört, es ist kein Raubüberfall ersichtlich, es ist kein Sexualdelikt ersichtlich, dann würde ich ja als erstes eigentlich an die Beziehungstat denken. Also dass es einfach darum ging, genau diesen Menschen auszulöschen.
25:12
Ja, aber etwas spricht dagegen, also gegen eine Beziehungstat, denn nur zwei Tage vorher hatte sich in Seminol Heights schon ein weiteres Gewaltverbrechen ereignet und zwar nur 800 Meter von der Stelle entfernt, an der auf Monika Hofer geschossen worden war. Und für die Ermittler sind die Parallelen kaum zu übersehen.
25:33
Ja, wir fassen mal zusammen, was da genau zwei Tage vorher passiert ist.
25:38
Am Abend des 9. Oktober, das ist der Montag vor dem Mord an Monika Hofer, wirkte in Seminole Heights zunächst alles ruhig. Gegen 22 Uhr stand ein junger Mann an einer Bushaltestelle und wartete auf den nächsten Bus. Er hieß Benjamin Mitchell, war Student und wollte an diesem Abend noch seine Freundin besuchen. Plötzlich waren Schüsse zu hören und Benjamin Mitchell wurde von den Kugeln getroffen und brach an der Bushaltestelle zusammen.
26:05
Menschen in der Umgebung setzten sofort den Notruf ab, doch noch bevor die Polizei und die Rettungskräfte den Tatort erreichten, erlag der junge Student seinen Verletzungen. Er starb noch an der Bushaltestelle.
26:16
Genau, und wir sprechen von einer Bushaltestelle mitten in einem Wohngebiet, einem gehobeneren, sicheren, vermeintlich sicheren Wohngebiet.
26:27
Jetzt nochmal weiter um drei Ecken gedacht, gab es schon so Fälle. Es gibt irgendwo ein Mord, ein Gewaltverbrechen und jemand anderes hängt sich sozusagen an diese Tat, um eine andere Tat zu tarnen.
26:42
Du bist noch bei deiner Theorie von der Beziehungstat, die jemand verstecken möchte.
26:46
Wenn man die jetzt noch weiterspinnen wollte, würde das sogar an dem Punkt noch gehen, wird unwahrscheinlicher.
26:53
Ist aber weiter möglich.
26:54
Ja, verstehe. Die Ermittler durchläuteten daraufhin das gesamte Umfeld des jungen Studenten. Freunde, Kommilitonen, Nachbarn und Bekannte wurden befragt. Die Polizei hoffte auf irgendeinen Hinweis, der erklären könnte, warum Benjamin Mitchell zum Opfer dieses tödlichen Angriffs geworden war.
27:12
Es ergaben sich aber keinerlei Hinweise darauf, dass Benjamin in kriminelle Aktivitäten verwickelt gewesen sein könnte. Weder Drogenkonsum noch Schulden, Konflikte oder riskante Bekanntschaften spielten offenbar in seinem Leben eine Rolle. Seine Freunde beschrieben ihn als ruhigen und höflichen jungen Mann, der sich auf sein Studium konzentrierte und ein ganz geregeltes Leben führte.
27:36
Für die Polizei entstand dadurch ein beunruhigendes Bild. Denn Benjamin Mitchell schien kein typisches Opfer eines gezielten Gewaltverbrechens zu sein. Rätselhaft.
27:47
Auffällig war außerdem, dass auch bei ihm, genau wie zwei Tage später bei Monika, kein Raubdelikt vorlag. Weder seine Geldbörse noch sein Handy waren entwendet worden. Es gab also auch bei Benjamin Mitchell zunächst kein erkennbares Motiv für diesen Mord.
28:05
Ja, es gab nur einen einzigen Ansatzpunkt für die Ermittlungen in diesem Fall, im Fall Benjamin Mitchell. Und das war die unscharfe Aufnahme einer Überwachungskamera aus der näheren Umgebung des Tatorts. Und darauf zu sehen war ein Mann, der kurz nach der Tat über die Straße lief. Er trug einen Pullover, einen Hoodie, aber er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Gesichtszüge nicht zu erkennen waren und er nicht identifiziert werden konnte.
28:33
Dieses Filmmaterial stammt vom 9. Oktober, also aus der Nacht, in der Benjamin Mitchell erschossen wurde. Gibt es denn auch Aufnahmen von irgendwelchen Kameras im Fall Monika Hofer?
28:46
Nein, hier gibt es keine Aufnahmen. Wahrscheinlich war die Stelle, an der auf sie geschossen wurde, einfach nicht kameraüberwacht.
28:53
Gibt es irgendeine Erkenntnis darüber, dass sich Monika und der junge Student kannten?
28:58
Also die Polizei geht davon aus, dass die beiden sich nicht kannten. Es gibt keine Überschneidungen.
29:04
Man muss natürlich immer noch in Richtung Verbindung denken. Was eint die beiden? Also, naja, beide sind jünger.
29:13
Beide stammen aus dieser Gegend. An dem Punkt kann man sich nicht vorstellen, dass es da keine Verbindung gegeben haben könnte zwischen den beiden.
29:24
Das wundert die Polizei auch. Aber die Ermittler finden keinen Zusammenhang. Die beiden scheinen sich tatsächlich nicht gekannt zu haben. Vielleicht in der Vergangenheit.
29:35
Es stellt sich außerdem heraus, dass die Projektile in beiden Mordfällen aus derselben Waffe stammten. Und jetzt ist klar, dass die beiden Morde von einem Täter begangen wurden. Aber es gibt darüber hinaus, wie gesagt, überhaupt keinen Zusammenhang zwischen den beiden Verbrechen. Das Motiv ist völlig unklar. Die Taten wirken nicht geplant im klassischen Sinne, sondern eher willkürlich und zufällig.
30:00
Also es wirkt wie zufällig, als wollte da jemand einfach nur töten und als seien Monika und Benjamin einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Wenn das wirklich so ist, dann ist natürlich die Aufklärung einer solchen Tat besonders schwierig, somit das Schwierigste. Das ist deswegen so schwierig für die Ermittler, denn bei einer willkürlichen Tat fehlt ja das klare Motiv, also der persönliche Bezug.
30:30
Damit auch die Spur zum Täter.
30:32
Genau, also Beziehungstat, man guckt, wer war der Ex-Freund, gibt es da jemanden, ist da jemand sauer, ist da Eifersucht im Spiel oder hat jemand Schulden?
30:43
Also diese zentrale Frage, warum wurde dieses Opfer ausgewählt? Denn aus dem Motiv heraus ergeben sich in der Arbeit der Ermittler oft die ersten Spuren. Die persönlichen Konflikte, habe ich ja gerade schon gesagt, hier Eifersucht, finanzielle Interessen, Rache, Beziehung zwischen Täter und Opfer. Und hier jetzt in so einem Fall bricht ein wesentlicher Teil der klassischen Ermittlungsarbeit weg. Also statt gezielt im Umfeld des Opfers nach Verdächtigen und Spuren suchen zu können, gibt es die einfach nicht.
31:14
Da müssen die Ermittler sich ganz anders aufstellen. Also Videoaufnahmen auswerten, Bewegungsprofile erstellen und dann eben hoffen, dass man Zufallszeugen findet.
31:25
Das Leben in dem zuvor als idyllisch geltenden Wohnviertel verändert sich nun schlagartig. Viele Anwohner bleiben nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Häusern, Türen werden früher verriegelt und die Straßen wirken selbst tagsüber ungewöhnlich leer.
31:40
Die größte Belastung für die Bewohner ist diese scheinbare Zufälligkeit der Angriffe. Es gibt kein erkennbares Muster, kein nachvollziehbares Motiv und keinen klaren Grund, weshalb gerade Benjamin und Monica erschossen wurden. Und damit könnte theoretisch jeder das nächste Opfer sein.
31:59
Monikas Familie ist tief erschüttert und zunächst kaum in der Lage, das Geschehene zu begreifen. Kenny ist in diesen Tagen an der Seite von Monikas Mutter und den Großeltern. Er versucht, ihnen trotz seiner eigenen Fassungslosigkeit Halt zu geben und die nächsten Schritte zu organisieren.
32:17
Ich denke immer darüber nach, was ihr in diesen letzten Minuten durch den Kopf gegangen ist.
32:26
Hat sie nach mir gerufen? Hat sie nach ihrer Mutter gerufen?
32:30
Ich frage mich immer, was geschehen ist.
32:37
Acht Tage lang bleibt es ruhig in Seminol Heights. Die Anspannung im Viertel ist groß, doch es gibt erstmal keine neuen Vorfälle. Doch dann, am 19. Oktober, schlägt der unbekannte Täter wieder zu und es gibt ein weiteres Opfer. Anthony Naiboa ist 20 Jahre alt.
32:55
Er ist angehender Musiker und jemand, der sich nebenbei sozial engagiert. Zu dieser Zeit hilft er bei einer Wohltätigkeitsorganisation aus und zwar unterstützt er die Mitarbeiter bei dem Verpacken von Hilfsgütern für die Opfer eines Hurricanes. Das ist eine Aufgabe, die ihm wichtig ist und die ihn an diesem Abend länger beschäftigt als geplant.
33:15
Nach Feierabend nimmt er dann versehentlich einen falschen Bus. Er will eigentlich nach Hause, doch als er bemerkt, dass er in die entgegengesetzte Richtung fährt, steigt er an einer Haltestelle in Seminole Heights aus und wartet auf den Bus, der ihn zurückbringen soll.
33:30
Also Anthony stammt eigentlich gar nicht aus dem Viertel. Das ist wirklich nur ein Zufall. Wegen einer Unaufmerksamkeit ist er dann in dem Viertel gelandet.
33:39
Ja, er hat sich nur im Bus vertan. Also nur deshalb war er hier in der 50. Straße in Seminol Heights.
33:46
Polizeibeamte, die in der Nähe Streife fahren, hören gegen 20 Uhr Schüsse und sie reagieren sofort. Sie fahren zu der Bushaltestelle, doch als sie eintreffen, ist es bereits zu spät. Anthony Naiboa liegt schwer verletzt am Boden und er kann nicht mehr gerettet werden. Er wurde erschossen.
34:05
Als die Polizei den Tatort sichert, wiederholen sich die bekannten Muster aus den vorherigen Fällen. Es wurden keine Wertsachen entwendet und zunächst finden sich auch keine offensichtlichen Spuren, die unmittelbar zu einem Verdächtigen führen. Auf den Bildern einer Überwachungskamera ist wieder der Mann mit dem Kapuzenpulli zu erkennen. Aber auch dieses Mal verdeckt die Kapuze sein Gesicht und er ist nicht zu erkennen.
34:30
Kurz darauf ergibt die forensische Auswertung, die Projektile stammen aus derselben Waffe wie in den beiden anderen Fällen, den Morden an Benjamin und Monika.
34:41
Drei Opfer, drei nahe beieinanderliegende Tatorte, eine Waffe. Und weiterhin kein konkreter Hinweis auf die Identität des Schützen.
34:50
Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter in derselben Gegend wohnt, in der auch die drei Opfer getötet wurden, also in Seminol Heights. Die Angst in der Nachbarschaft wächst mit jedem Tag. Viele Anwohner vermeiden es inzwischen, ihre Häuser zu verlassen. Das Viertel scheint unter Schock zu stehen. Kann ich total nachvollziehen. Niemand nimmt mir den Bus.
35:10
Viele Bewohner lassen nachts das Licht vor ihren Häusern an oder installieren Überwachungskameras. Den Hund auszuführen oder Besorgungen zu Fuß zu machen, wird für viele zu etwas, das sie nur noch mit Vorsicht oder gar nicht mehr tun. Täglich sind unzählige Polizeibeamte in diesem Viertel unterwegs und gehen oder fahren in der Nachbarschaftsstreife.
35:31
Und zusätzlich patrouillieren Mitglieder der Guardian Angels durch die Straßen, um Präsenz zu zeigen und den Bewohnern ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Aber trotzdem bleibt die Angst allgegenwärtig.
35:42
Ich glaube, das muss man kurz erklären. Diese Guardian Angels, das ist so eine freiwillige Bürgerinitiative zur Kriminalitätsprävention. Die Mitglieder patrouillieren unbewaffnet in Stadtvierteln, also die gibt es auch woanders, und in öffentlichen Verkehrsmitteln, einfach um Präsenz zu zeigen und Straftaten zu verhindern oder auch um zu helfen. Die Mitglieder dieser Guardian Angels dürfen bei diesen Rundgängen keine Waffen tragen und stattdessen setzen sie eben auf Deeskalation.
36:12
Bürgerbeobachtung, ist immer ein schmaler Grad natürlich alles, aber auch Erste Hilfe darf halt nicht so eine Bespitzlung werden. Ich bin immer so ambivalent, grundsätzlich eine gute Sache, aber ich finde, wenn dann jemand so den Hilfssheriff zu viel raushängen lässt, weißt du, was ich meine? Das ist natürlich schwierig, aber in dem Fall sicher sehr gut gewesen.
36:33
Ja, in dem Fall wollen Sie Präsenz zeigen, dass die Straßen... belebt sind und auch das FBI ist inzwischen in Seminole Heights und unterstützt die örtliche Polizei. FBI-Profiler versuchen, mögliche Verhaltensmuster des Täters zu analysieren und Hinweise auf seine Persönlichkeit und sein Vorgehen zu gewinnen. Die Ermittler arbeiten unter Hochdruck. Der Polizeichef fordert die Bevölkerung dazu auf, aufmerksam zu bleiben und jede noch so kleine Beobachtung zu melden.
37:02
Für Hinweise zu den drei Morden setzen die Behörden inzwischen eine Belohnung von 25.000 Dollar aus. Doch trotz der intensiven Ermittlungen fehlt weiterhin jede Spur des Täters und niemand weiß, wann er wieder zuschlagen wird.
37:16
Monika wird beigesetzt. Neben der Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn sind auch die Ermittler auf dem Friedhof. Diese Mordserie lässt niemanden unberührt, auch die Polizei nicht.
37:31
Bei Monikas Beerdigung habe ich Chief Dugan kennengelernt. Er war der Polizeichef und er hat mich umarmt. Er hatte auch Töchter und er sagte, wir werden diesen Kerl finden. Er gab mir seine Nummer und blieb mit mir in Kontakt. Das ging ihm sehr zu Herzen.
37:53
Drei Begräbnisse, drei trauernde und verzweifelte Familien. Fernsehteams und Reporter belagern inzwischen das Viertel. Von Fox News bis CNN berichten alle großen Sender über die rätselhafte Mordserie, die ganz Temper in Angst versetzt. Tag und Nacht stehen Übertragungswagen in den Straßen des Viertels, Reporter sprechen mit verängstigten Anwohnern und immer neue Spekulationen machen die Runde. Während die Polizei unter Hochdruck ermittelt, wächst gleichzeitig der Druck der Öffentlichkeit.
38:25
Die Menschen wollen jetzt antworten. Wer ist der Täter? Warum sucht er scheinbar wahllos seine Opfer aus? Und vor allem, wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor er endlich gefasst wird?
38:36
Monikas Vater Kenny pendelt nun regelmäßig zwischen Tampa und South Carolina hin und her. Einerseits muss er sich zu Hause um seine Familie und seine Farm kümmern.
38:46
Andererseits zieht es ihn immer wieder nach Tampa, wo er die Ermittlungen begleitet und für Monikas Familie, also für ihre Mutter und ihre Großeltern, da sein will.
38:55
Die Polizei arbeitet währenddessen ohne Pause weiter, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. An Halloween werden in Seminole Heights besondere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, denn die Ermittler wollen es den Kindern trotz dieser angespannten Lage ermöglichen, zumindest eingeschränkt von Haus zu Haus zu gehen. Außerdem verteilen die Polizisten Süßigkeiten in den Straßen.
39:16
Ich finde das ja in dem Kontext mit Halloween besonders gruselig. Also nicht umsonst gibt es ja auch so viele schlimme Filme rund um Halloween. Es gibt ja auch da so fiese Masken und so. Irgendwie stelle ich mir das besonders schlimm vor. Aber es ist so ein wichtiges Fest und ich glaube, deshalb haben Sie versucht, das zu ermöglichen. Das ist auch absolut richtig. Ich denke nur an die Angst von den Leuten.
39:38
Und deswegen haben sie auch in dieser Nacht, in dieser Halloween-Nacht, ein Großaufgebot an Einsatzkräften dort eingesetzt. Also Polizisten auf Pferden, Streifenwagen und das FBI waren da.
39:52
Als ich im November nach Tampa gefahren bin, waren über 100 Polizisten in Zivil und Undercover im Einsatz. Die versuchten, diesen Kerl zu fassen, um die Gegend wieder sicherer zu machen.
40:04
Sie verzichteten auf ihre Familienessen und ihre Feiertage, um den Mörder meines Kindes zu finden.
40:15
Wochenlang passiert nichts. Wochenlang hoffen die Menschen dort, dass die Mordserie vielleicht doch ein Ende gefunden hat. Doch dann schlägt der Täter neu zu. Am 14. November 2017 gegen 6 Uhr morgens überquert der 60-jährige Ronald Felton die Nebraska Avenue. Er ist auf dem Weg, sich mit einem Pastor zu treffen, um Lebensmittel am Bedürftige zu verteilen. Es ist noch dunkel und die Straßen sind fast menschenleer. Plötzlich nähert sich von hinten eine Person.
40:46
Wenige Augenblicke später fallen Schüsse. Ronald Felton bricht zusammen. Auch diesmal verschwindet der Täter unerkannt.
40:54
Mit diesem vierten Mord erreicht die Angst in Tampa und vor allem hier in diesem Viertel in Seminole Heights einen neuen Höhepunkt. Spätestens jetzt wird deutlich, dass der Täter scheinbar wahllos Menschen ins Visier nimmt. Alter, Herkunft oder Lebensumstände der Opfer scheinen tatsächlich keine Rolle zu spielen. Jeder könnte der Nächste sein.
41:14
Bisher hat ja dieser Täter immer jüngere Menschen getötet. Die ersten drei Opfer waren alle unter 30 oder anderen 30. Das Opfer jetzt, Ronald dagegen, ist 60 Jahre alt. Was ich auch so darüber hinaus noch so tragisch finde, ist jetzt der Zweite, der eigentlich so...
41:35
im Sinne der guten Sache unterwegs war. Der eine wollte Spenden sammeln, glaube ich.
41:41
Für die Hurricane-Opfer sich eingesetzt.
41:44
Und er hier macht auch was für andere mit dem Pastor zusammen.
41:48
Verteilt Essen an die Bedürftigen.
41:51
Schrecklich. Und Ronald Felton passt genau wie die drei anderen Opfer in kein erkennbares Verbrechensschema. Es handelt sich hier wieder nicht um einen Raubmord oder ein Drogendelikt oder ein Verbrechen vor dem Hintergrund von Banden oder Milieukriminalität. Und es gibt auch überhaupt keine Schnittpunkte zwischen den drei Opfern. Ronald Felton dürfte Benjamin, Monica und Anthony nicht gekannt haben.
42:17
Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen, da zu leben. Also ich würde wahrscheinlich am liebsten da wegziehen. Das ist ja natürlich andererseits total unrealistisch. Also du hast dann ja Kinder, die müssen zur Schule, man hat eine Arbeitsstelle. Also es klingt wie in einem ganz schlechten Horrorfilm. Das ist dort aber leider Realität. Die sind aus ihrer Idylle dort gerissen. Ja und das Gute aber in den USA gibt es viele Überwachungskameras, in dem Fall eben sehr positiv, weil auch jetzt gibt es wieder Aufnahmen, wobei man sagen muss, es ist wieder nicht sehr viel zu erkennen.
42:49
Also ein schmaler junger Mann in diesem Kapuzenpulli, der dann sein Gesicht verhüllt.
42:55
Aber es ist ganz klar für die Ermittler, das ist wieder dieselbe Person. Es ist also ein und derselbe Mann. Er verschwindet spurlos im dämmerigen Morgen und er ist nicht zu identifizieren.
43:07
Trotz ihrer Angst rücken die Bewohner von Seminol Heights jetzt zusammen. Mahnwachen für die drei Opfer finden statt und alle versammeln sich draußen vor Ort, um zu trauern und ein Zeichen zu setzen. Es werden T-Shirts gedruckt mit der Aufschrift We are Seminole Heights. Der Verkaufserlös dieser T-Shirts kommt den Familien der Opfer zugute. Die Aktion findet großen Anklang. Die T-Shirts werden weit über die Grenzen von Tampa hinaus verkauft. Es entsteht eine Welle der Solidarität, und zwar landesweit.
43:35
Monikas Vater ist Ende November wieder in Tampa. Es ist Thanksgiving, einer der wichtigsten Feiertage in den USA. Normalerweise kommen an diesem Tag Familienmitglieder aus allen Teilen des Landes zusammen. Sie sitzen am festlich gedeckten Tisch, essen gemeinsam Truthahn und verbringen Zeit miteinander. Doch in diesem Jahr ist dort alles anders. Viele Menschen bleiben an diesem Abend lieber in ihren Häusern, Straßen- und Bushaltestellen wirken verlassen. Die Angst vor dem Mörder ist allgegenwärtig und überschattet selbst diesen traditionsreichen Feiertag.
44:11
Als Ronald Felton getötet wurde, waren viele Polizisten im Dienst.
44:20
Sie haben sogar am Thanksgiving gearbeitet. Und ich bin an diesem Tag in die Einsatzzentrale gefahren. Ich bin von Tisch zu Tisch gegangen und habe mit all den Polizisten gesprochen, die an dem Fall gearbeitet haben. Die Einsatzkräfte wurden dort Tag und Nacht verpflegt. Die Gemeinde der Kirche nebenan versorgte sie mit Essen. Und ich hatte die Gelegenheit, mich bei jedem Einzelnen zu bedanken.
44:52
Man konnte ihnen förmlich ansehen, wie entschlossen sie waren, diesen Kerl zu fassen.
45:03
Am 29. November, eine Woche nach Thanksgiving, ereignet sich in einer Filiale von McDonalds in Tampa etwas Ungewöhnliches. Einer der Angestellten, er heißt Howell Donaldson und er ist 24 Jahre alt, geht zu seiner Vorgesetzten und erklärt ihr, er müsse kurz weg, er wolle schnell eine Fahrkarte kaufen, aber er sei gleich wieder zurück. Howell Donaldson bittet die Kollegin, eine Papiertüte für ihn aufzubewahren. Er bittet sie ausdrücklich nicht in diese Tüte zu schauen, sondern sie lediglich sicher zu verwahren.
45:38
Nachdem Donaldson die Filiale verlassen hat, wird die Kollegin jedoch misstrauisch. Durch das Gewicht und weil sich der Inhalt von außen so seltsam anfühlt, hat sie den Eindruck, dass sich darin möglicherweise eine Waffe befinden könnte. Aus Sorge entscheidet sie sich schließlich in die Tüte zu schauen.
45:56
Und in der Papiertüte findet sie tatsächlich eine Pistole. Zufällig sitzt gerade ein Polizeibeamter im Restaurant und die Mitarbeiterin spricht ihn direkt an. Sie zeigt ihm, was sie gefunden hat und der Polizist nimmt sofort Kontakt mit der Einsatzzentrale auf.
46:12
Als Donaldson, der Besitzer dieser Waffe, etwa 30 Minuten später in die McDonalds-Filiale zurückkehrt, wird er sofort festgenommen. Schnell ist klar, dass er der gesuchte Täter ist. Der Serienkiller von Seminole Heights, wie er in den Medien inzwischen genannt wird.
46:30
Die Auswertung seines Mobiltelefons zeigt kurze Zeit später, dass seine Standortdaten exakt mit den Tatzeiten und Tatorten der vier Morde übereinstimmen. Damit ist seine Anwesenheit an allen vier Tatorten zum Zeitpunkt der Morde belegt.
46:45
Was ich ja überhaupt nicht verstehen kann oder total unglaublich finde, dass er die Tatwaffe an die Kollegin gegeben hat, damit sie sie aufbewahrt. Also sehr logisch, es gibt ja... Tausend andere und bessere Möglichkeiten, die verschwinden zu lassen oder zu verstecken.
47:04
Und wahrscheinlich sogar in diesem Restaurant hätte er sie nicht mal in den Fluss schmeißen müssen.
47:08
Er hätte er nur bei McDonalds in seinen Spind legen müssen oder so. Dazu ist zu sagen, dass Psychologen später vermuten, dass Donaldson vielleicht, ob bewusst oder unbewusst, ja so sagen sie es nicht mehr morden wollte und auf irgendeine Weise darauf angelegt hat, gefasst zu werden. Wir werden das nie wissen, aber wir werden später noch erfahren, dass er gebildet genug gewesen war, um das Risiko einzuschätzen, was er da eingegangen ist.
47:39
Also hätte er eigentlich besser wissen müssen sozusagen.
47:43
An den Tatorten wurden ja Patronenhülsen und Projektile sichergestellt, die eindeutig derselben Waffe zugeordnet werden konnten, nämlich dieser Pistole, die Donaldson in dieser Papiertüte der Kollegin übergeben hatte. Außerdem wird bei der Durchsuchung seines Wagens der Kapuzenpulli gefunden, den der Verdächtige auf den Bildern der Überwachungskamera getragen hatte, also auf allen Bildern der Kameras.
48:08
Es ist völlig klar, Howell Donaldson ist der Mörder von Benjamin Mitchell, von Monica Hoffer und von Anthony Naiboa und von Ronald Felton.
48:21
Am nächsten Morgen bin ich den ganzen Weg nach Tampa gefahren, weil es eine Ankündigung mit dem Bürgermeister geben sollte.
48:29
Und als ich dort ankam, bin ich fast zusammengebrochen. Meine Familie hat gelitten. All diese Familien haben gelitten. Ronalds Familie, Bens Familie, Antoneys Familie, genauso wie ich leide. Aber es war so eine Erleichterung, dass er gefasst wurde. Jetzt wussten wir, wer es getan hat. Er würde das nicht wieder tun. Er würde das niemanden mehr antun. Das war eine große Erleichterung.
49:01
51 Tage sind seit dem ersten Mord, dem Mord an Benjamin Mitchell, vergangen. Die Familien hoffen auf einen schnellen Prozess. Doch es kommt anders. Der Täter plädiert auf nicht schuldig und bestreitet die Vorwürfe. Zwar gibt er zu, dass die Tatwaffe ihm gehört, doch er weist jede Beteiligung an den vier Morden zurück. Damit beginnt ein langwieriges Verfahren, in dem die Beweise umfassend geprüft werden müssen.
49:28
Am 17. Dezember 2017 beginnt der Prozess gegen Howell Donaldson. Die Anklage lautet auf vierfachen vorsätzlichen Mord und die Staatsanwaltschaft fordert die Todesstrafe. Neben der Tatwaffe, belastenden Kleidungsstücken und Aufnahmen von Überwachungskameras liegen auch die Handydaten vor, die Donaldsons Aufenthaltsorte zur Tatzeit bestätigen und die als zentrales Beweismittel gelten.
49:56
Doch Donaldson bleibt bei seiner Behauptung, er habe nichts mit den vier Morden zu tun. Er plädiert auf nicht schuldig in allen Anklagepunkten.
50:05
Da alle vier Morde einzeln verhandelt werden müssen, zieht sich der Prozess nun über viele Jahre hin. Die Familien der Opfer und die Öffentlichkeit lernen jetzt im Zuge der Verhandlungen die Person hinter den Taten kennen.
50:19
Howell Donaldson stammt aus einem stabilen und liebevollen Elternhaus. Er wuchs in guten Verhältnissen auf, studierte in New York und schloss sein Studium im Bereich Sportmanagement mit einem Bachelor ab. Sein großer Traum war es, Profibasketballspieler zu werden. Doch Donaldson schafft es nicht, in der Profiliga Fuß zu fassen. Es folgt ein schrittweiser sozialer und beruflicher Abstieg. Er lebte inzwischen in Temper, verlor seinen Job und schließlich auch seine Wohnung.
50:50
Zuletzt hielt er sich mit verschiedenen Aushilfstätigkeiten über Wasser. In all den Jahren der Ermittlungen und Verfahren gelingt es der Staatsanwaltschaft nicht, ein klares und eindeutig nachvollziehbares Tatmotiv für die vier Morde festzustellen.
51:07
Trotz umfangreicher Beweiserhebung bleibt unklar, weshalb Howell Donelson vier Menschen erschossen haben soll. Die Hauptverhandlung im Strafverfahren wird schließlich für den 23. August 2023 angesetzt. Im Raum steht weiterhin die Todesstrafe, die ja von der Staatsanwaltschaft bereits früh im Verfahren angekündigt und gefordert worden war. Die Beweislast ist erdrückend und jeder rechnet damit, dass Howell Donelson schuldig gesprochen wird.
51:36
Doch am 1. Mai 2023 kommt es zu einer spektakulären Wende. Sechs Jahre nach den Morden bekennt Howell Donaldson sich schließlich schuldig. Damit wird die zuvor im Verfahren angestrebte Todesstrafe nicht weiterverfolgt. Howell Donaldson wird schließlich zu vier aufeinanderfolgende lebenslange Haftstrafen ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilt.
52:11
Dieser Prozess, das muss man sich mal vorstellen, der hat sechs Jahre gedauert.
52:15
Ja, und das musst du dir mal vorstellen, was das für eine krasse Belastung für diese Familien ist. Also das begleitet dann so die nächste Phase deines Lebens und der ganzen Trauer.
52:26
Und besonders schwer, und das kann ich mir auch gut vorstellen, wiegt für viele auch das fehlende Motiv.
52:33
Also diese Frage nach dem Warum.
52:35
Ja, genau. Also natürlich lässt sich im Nachhinein bei diesen Menschen eine große Frustration über diese gescheiterten Lebenspläne erkennen. Aber eben es gibt keinen konkreten nachvollziehbaren Auslöser für diese Taten. Also es ist nie festgestellt worden und er sagt nichts dazu.
52:55
Die wirkliche Frage nach dem Warum, die bleibt trotz aller Beweise letztlich unbeantwortet.
53:02
Also ich finde es schon immer wieder krass, das gibt es natürlich in verschiedenen Ausprägungen, aber ich finde es krass, was das mit Menschen machen kann, wenn Menschen so einen besonderen Traum verfolgen. Weißt du, was ich meine? Das kennt man ja auch aus.
53:14
Man hat ja davon geträumt, Profibasketballer zu werden. Genau.
53:18
ich nenne das immer so ein bisschen provokativ und plakativ, Dritter im Schönheitswettbewerb. Also du wolltest sowas ganz Großes erreichen. Das kennt man ja auch aus Castingshows, aus dem Musikbereich, auch bei Schauspielern und eben auch im Profisportbereich. Also da ist jemand, der verfolgt so ein ganz heeres, großes Ziel, Die Wahrscheinlichkeit, das zu erreichen, ist ja verschwindend gering. Und wenn du dann scheiterst, brauchst du schon eine sehr stabile Persönlichkeit, um dann nicht ansonsten zu scheitern.
53:50
Also dich dann wieder aufzurichten und zu sagen, okay, Ich werde jetzt nicht Profifußballer in der ersten Bundesliga, sondern ich gehe jetzt nochmal einen ganz neuen Weg. Das ist schwierig, das ist eine große Herausforderung und das macht auch etwas mit einem. Ich möchte es einfach nur als Punkt herausgreifen, dass das eine besondere Situation ist. Es soll bitte überhaupt nicht so zu verstehen sein, dass das was Rechtfertigendes aus meiner Sicht haben soll. Ich möchte es nur beschreiben, in welcher Situation er war.
54:21
Es gibt eine Million andere Möglichkeiten, sich im Leben dann neu aufzustellen, als diese schreckliche Möglichkeit, nämlich sein Frust und sein Scheitern an anderen, an hilflosen Menschen auszuleben. Das ist die gänzlich schrecklichste Möglichkeit und der schrecklichste Weg, den er einschlagen konnte.
54:41
So, aber wir verlassen an dieser Stelle bewusst und schnell auch wieder den Täter und wenden uns wieder den Opfern zu, beziehungsweise auch den Angehörigen der Opfer. Im Laufe der vielen Jahre sind die nämlich zu einer engen Gemeinschaft zusammengewachsen.
54:58
Als der Prozess beendet und das Urteil gefallen ist, versammeln sich die Familien der Opfer vor dem Gerichtssaal. Nach den Jahren des Wartens, der Verhandlungen und der belastenden Details endet das Verfahren zwar juristisch, doch ihr Schmerz wird sie ihr Leben lang begleiten.
55:16
Ich habe sie umarmt. Ich habe jeden Einzelnen von ihnen umarmt. Der Einzige, der nicht im Gerichtssaal war, war Antonys Vater. Für ihn sind die Ereignisse bis heute kaum zu verkraften.
55:29
Ich bete ab und zu für ihn. Einfach so. Wir haben uns alle umarmt. Wir haben geredet. Es ist einfach traurig.
55:41
Kenny hat seinen eigenen Weg gefunden, mit dem Schmerz umzugehen. Er findet großen Trost in seinem Glauben und er findet dort auch Kraft für seinen Alltag.
55:58
Man hört nie auf, den Menschen zu lieben, der gestorben ist. Ich werde Monika immer lieben. Aber Trauer ist irgendwie wie das Wetter. An manchen Tagen ist das Wetter gut und die Sonne scheint und man hat all diese glücklichen Gedanken.
56:15
Und dann könnte es am nächsten Tag ein Gewitter geben und es könnte regnen.
56:20
Und das kann einen wieder nach drinnen treiben. Und wenn man wieder drinnen ist, tut es weh. Es kommt nicht mehr so oft, aber es tut immer noch weh.
56:33
Monikas Großeltern sind inzwischen verstorben. Ihre Mutter Olga hält weiterhin engen Kontakt zu Kenny und beide versuchen, trotz des schweren Verlusts gemeinsam einen Umgang mit der Trauer zu finden und sich gegenseitig zu stützen. Und im April, im April fährt Olga manchmal nach South Carolina auf die Farm ihres Ex-Mannes.
56:58
Monika hat im April Geburtstag.
57:02
Und am Eingang zu unserem Hof habe ich einen Garten angelegt und Blumenzwiebeln gepflanzt. Also Tulpen, Narzissen und Iris. All diese Pflanzen, die blühen alle im April. Das bringt uns einfach alle zum Lächeln. Wenn der April kommt und die Pflanzen aus dem Boden sprießen und die Blumen blühen, ist das eine schöne Erinnerung.
57:25
Es ist eine gute Erinnerung.
57:30
Ja, das ist heute die Geschichte eines Menschen, dessen geplatzter Lebenstraum zum fürchterlichsten denkbaren Albtraum für vier Familien geworden ist. Jemand, der sich dann für tiefen Hass entschieden hat, anstatt irgendeine andere Lösung zu finden und einen anderen Weg zu gehen.
57:50
Und was bleibt, sind vier Menschen, die nicht vergessen werden sollen. Vier Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Benjamin Mitchell war 22 Jahre alt, als er starb. Monica Hoffer war 32. Antonina Boa, 20 Jahre alt. Und Ronald Felton war 60.
58:10
Kenny Hofer hat uns diese Geschichte erzählt, weil er an diese vier Menschen erinnern möchte, weil er ihr Andenken lebendig halten möchte. Und wir möchten uns bei Kenny für sein Vertrauen bedanken. Silvie, danke schön, dass du so umfangreich vorrecherchiert hast und danke fürs Miterzählen.
58:30
Ich danke dir und wenn ihr uns schreiben wollt, dann bitte an info-at-spurlos-podcast.de und alle weiteren Informationen findet ihr in den Shownotes.
58:40
Ja und ich hoffe, ihr bleibt uns weiterhin gewogen. Danke an euch fürs Zuhören. Bis ganz bald und passt aufeinander auf. Jetzt kommt Werbung.
59:12
Wir wissen doch alle, Eltern sein ist wie Achterbahn fahren, nur ohne Sicherheitsbügel. Cool. Willkommen bei Mama Leise.
59:18
Wie krass, habe ich das unterschätzt, was für körperliche Gewalt Kleinkinder an großen Menschen verüben können? Ja, stimmt. Wir sind Fanny und Alina und hier gibt es keine Erziehungstipps von der perfekten Insta-Mama, sondern Real Talk, Chaos und Lachkräpfe.
59:34
Gefühlt bin ich gerade an der Spitze des Wahnsinns angelangt, was so Kinderhaben angeht. Das geht ja schon mal gut los hier. Was weißt du schon, Alter? Hast du zwei Stunden mit Googlen verbracht? Mama leiser. Endlich mal Klartext, Leute.
59:53
Jeden Freitag überall, wo es Podcasts gibt.
59:58
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